Wenn der Götti poschten geht…
Wenn der Götti zum poschten geht, besucht er danach das Buffet à discretion. Doch das ist nicht geheim, sondern vielmehr unglaublich gluschtig. Denn da gibt es Güggeli und Hacktätschli mit Kartoffelstock. Guet, dass die Gotte dem Götti zum Zmorgen nur eine Schale gemacht hat!
Wenn Sie dies lesen und nur Bahnhof verstehen, dann sollten Sie weiterlesen. Denn wer Deutsch in der Schweiz lernt, kommt um die sogenannten Helvetismen (nur in der deutschsprachigen Schweiz vorkommenden Wörter und Redewendungen) nicht herum. Also, fangemer ah!
Wie haben sich Helvetismen entwickelt?
Bereits ab dem 16. Jahrhundert als die Reformation das Lateinische zugunsten der lokalen Dialekte aus den Gottesdiensten verbannte, wuchs in der Schweiz das Bewusstsein für eine gemeinsame Sprache, die „Eidgenössische Landsprach“. Diese wurde in der Romantik des 18. Jahrhunderts in Mundartliedern und -gedichten weiter kulturell aufgewertet. Bis heute gibt es in der Schweiz keine einheitliche Schriftsprache und Aussprache des Schweitzerdeutschen, so dass ein Wort in verschiedenen Kantonen oftmals anders geschrieben und auch ausgesprochen wird. Geschrieben wird in der Schweiz in der Regel auf Hochdeutsch, in das sich Helvetismen mischen. Dabei entwickelt sich das Schweizer Hochdeutsch dynamisch weiter. Daher findet sich eine Vielfalt an Lehnwörtern aus anderen Sprachen in den Helvetismen wie zum Beispiel «Trottoir» (franz., Gehweg), «Binätsch» (ital. spinacio = Spinat), «Goal» (engl., Tor), guggumere (lat. cucumis sativus = Gurke) oder «das Argumentarium» (österr., Liste von Argumenten).
Rechtschreibung in der Schweiz
Auch bei der Orthographie gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem Schweizer Hochdeutsch und dem Deutschen Hochdeutsch. So wird das in Deutschland gebräuchliche Eszett (ß) in der Schweiz durch ein Doppel-s (ss) ersetzt:
das Floß ➔ das Floss, das Maß ➔ das Mass, die Grüße ➔ die Grüsse, beißen ➔ beissen, außen ➔ aussen, anschließend ➔ anschliessend, genießen ➔ geniessen, er aß ➔ er ass
Die Bedeutung von Wörtern lässt sich aufgrund des fehlenden Eszetts in manchen Fällen dann nur durch den Kontext erschliessen wie zum Beispiel hier:
Die Busse: Entweder die Busse als Fahrzeuge oder die Buße im Sinne von etwas büßen
Die Masse: Entweder die Masse an Gewicht oder die Maße im Sinne von Maß nehmen
Zeichensetzung in der Schweiz
Im schweizerischen Hochdeutsch werden bestimmte Zeichen anders als im deutschen Hochdeutschen verwendet bzw. gesetzt:
Anführungszeichen heissen in der Schweiz Guillements und sehen nicht so aus „“, sondern so: «»
Bei Zahlen wird im Schweizerischen kein Punkt für eine bessere Lesbarkeit gesetzt (1.000), sondern ein Hochstrich: 1‘000.
Auch bei der Uhrzeit gibt es Unterschiede. So wird im Deutschen gemeinhin ein Doppelpunkt zwischen Stunden und Minuten gesetzt (14:30 Uhr). Im Schweizerischen jedoch einfach ein Punkt: 14.30 Uhr.
Bei der Anrede in Briefen oder E-Mails wird nach dem Namen kein Komma gesetzt und der eigentliche Text beginnt dann mit einem Grossbuchstaben:
Lieber Herr Bircher
Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.
Die Währungsangabe erfolgt im Schweizerischen vor dem Betrag: CHF 50. Im Deutschen hingegen wird die Währung nach dem Betrag angegeben: 50 EUR.
Satz- und Wortkonstruktion in der Schweiz
«Kei Zit, zum es Billet chaufe» ➔ Keine Zeit, zum das Ticket kaufen.
«Kei Zit, für es Billet z chaufe» ➔ Keine Zeit, für das Ticket zu kaufen
«Kei Zit, um es Billet z chaufe» ➔ Keine Zeit, um das Ticket zu kaufen.
Dieses Beispiel macht schon deutlich: Oft werden Wörter und ganze Sätze in den unterschiedlichen Regionen der Schweiz ganz anders konstruiert. So auch hier:
«Schön, bist du da.» Im Hochdeutschen würde man sagen: Schön, dass du da bist.
Die gute Nachricht: Diese schweizerdeutschen Satzkonstruktion, in welchen Wörter an verschiedenen Stellen im Satz gesetzt werden können, sind laut der 2018 erschienenen Variantengrammatik, die für alle deutschsprachigen Länder (DACH) gilt, korrekt. Hier finden sich auch weitere interessante Unterschiede in der Anwendung der deutschen Sprache nach Regionen und Ländern.
Nun aber noch die Auflösung, was eigentlich passiert, wenn der Götti zum poschten geht:
Wenn der Götti (Patenonkel) zum poschten (einkaufen) geht, besucht er danach das Buffet à discretion (All-you-can-eat-Buffet). Doch das ist nicht geheim, sondern vielmehr unglaublich gluschtig (lecker). Denn da gibt es Güggeli (Grillhähnchen) und Hacktätschli (Frikadellen) mit Kartoffelstock (Kartoffelbrei). Guet, dass die Gotte (Patentante) dem Götti zum Zmorgen (Frühstück) nur eine Schale (Milchkaffee) gemacht hat!
Um die Vielfalt der Helvetismen und dialektalen Unterschiede darzustellen, stammen die hier genannten schweizerdeutschen Sprachbeispiele aus verschiedenen Kantonen.
Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Entdecken der schweizerdeutschen Sprachbesonderheiten,
Ihre Olga Mühlethaler