Zum Inhalt springen

Der Thurgauer Dialekt

Sprachstreifzüge entlang der Beggeli-Grenz

„Exgüsl, I haa denkt Si siged vo daa!“ (Entschuldigen Sie bitte, ich dachte Sie sind von hier). Vielleicht hören Sie diesen Satz einmal von einem Einheimischen, nachdem Sie diesen Artikel gelesen haben. Denn im Folgenden wollen wir dem Thurgauer Dialekt und seinen Besonderheiten ein wenig auf die Schliche kommen und fragen: Was unterscheidet das Thurgauerdeutsch von den anderen Schweizer Dialekten? Und warum ist das so?

Historische Abgrenzungen: Wo beginnt und wo endet der Thurgauer Dialekt?

Wie fast jeder Dialekt folgt auch der Thurgauer Dialekt weniger den politischen Kantonsgrenzen, sondern vielmehr den natürlichen Grenzen, der Thur. Einst ein schwer zu überwindender Fluss, entwickelten sich die Dialekte südlich und nördlich der Thur sehr unterschiedlich. Dabei unterlag der Norden stärker dem Einfluss des Alemannischen, wie folgende alemannischen Wörter, die auch heute noch entlang des Schweizer Bodenseeufers verwendet werden, belegen:

„aalüüte“ – anrufen
„Blootere“ – Blase
„dusse“ –  draussen
„en Guete!“ – Guten Appetit!
„ggässe“ – gegessen
„Härdöpfel“ – Kartoffeln
„Schopf“ – Schuppen
„Trotuaar“ – Gehweg

Der Thurgauer Dialekt weist aber auch Unterschiede im Osten und Westen des Kantons auf. Am markantesten ist hier der Wechsel von „gg“ zu „ck“: Während im westlichen Thurgau die Tasse „Beckeli“ genannt wird, ist sie im Ostthurgau die „Beggeli“ mit weichem Doppel-g. Diese Beggeli-Grenze, die zwischen Kreuzlingen und Wil verläuft, besteht bis heute. Doch es gibt auch eine Vielfalt an Dialektwörtern, die für den gesamten Thurgau typisch sind:

„Chucher“ – Papiersack
„Wurmbaasle“ – Ameise
„Saapfe“ – Seife
„Laatere“ – Leiter
‚„Laamsüüder“ – Antriebslose Person

Unterschiede zu anderen Schweizer Dialekten

Neben typischen Thurgauer Dialektwörtern unterscheidet sich das Thurgauerisch aber auch in der Aussprache von den übrigen Schweizer Dialekten. Während in vielen Schweizer Dialekten das „R“ besonders stark gerollt wird, erfolgt im Thurgau die Aussprache des Buchstabens ganz hinten im Hals, so dass dieses „Zäpfchen-R“ in vielen Wörtern kaum mehr zu hören ist: „Thuogau“ (Thurgau).

Typisch für den Thurgauer Dialekt ist zudem die Umwandlung von „a“ in „o“ oder sogar „oo“ wie bei „Spitool“ (Spital), „spoot“ (spät) oder „Stroos“ (Strasse). Wo einerseits Buchstaben überlang ausgesprochen werden, wird konsequenterweise an anderer Stelle gekürzt. Dabei entfällt auch gerne das „n“ am Wortende: 

gesehen ➜ „gsee“
wollen ➜ „welle“
braun ➜ „bruu“
neun ➜ „nüü“
Mittagessen ➜ „zMiddag“
aber ➜ „abo“

Wie entwickelt sich der Thurgauer Dialekt in Zukunft?

Sprachliche Entwicklungen sind dynamisch und nehmen Strömungen aus anderen Sprachen und Neuschöpfungen aus der Jugendsprache fliessend auf. Das gilt natürlich auch für den Thurgauer Dialekt. So werden manche Wörter aussterben wie zum Beispiel „Dult“ (Kirchliche Feste), „aahle“ (zärtliches über die Wange streicheln) oder Schmalz (Butter). Dafür kommen neue hinzu wie „Hayvan“ (türk. Tier, hier im Sinne von „Lümmel“), „swag“ (engl. Beute, hier eine Person mit sehr cooler Ausstrahlung) oder „hang“ (nicht aufregen, chill mal).

In diesem Sinne, „hanget Si oifach un lönd Sie sich nöd stresse“

Ihre Olga Mühlethaler